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Neu gewonnene Zeit, neu gewonnener Zwiespalt

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Neu gewonnene Zeit, neu gewonnener Zwiespalt

Ich mag Ratgeber. Ich mag es, darin Inspiration zu finden und die Tipps, die am besten zu mir und meinem Leben passen, anzunehmen. Besonders schätze ich Inspiration zum Thema Produktivität. Kannst du dich auch noch an deine Klausurphasen erinnern – oder vielleicht steckst du gerade noch mittendrin –, in denen man alle zehn Minuten zum Handy gegriffen hat, um Instagram zu aktualisieren? Machen wir uns nichts vor, das passiert auch mal beim Arbeiten. Aber jetzt, wo man seinem Chef oder sich selbst (ein Hallo an alle Selbstständigen) Ergebnisse liefern muss, kommt man damit nicht weit.

Seit etwas mehr als drei Wochen befinden wir uns in einer merkwürdigen Situation, die besonders eines mitgebracht hat: Zeit. Zumindest für sehr viele von uns, die ihr Haus aktuell nur für einen Spaziergang oder Supermarktbesuch verlassen. Viele von uns befinden sich momentan wiederum im Home Office und schauen dabei zu, wie Arbeitsplatz, Schlafraum und Freizeitbereiche eins werden. Und dennoch haben wir mehr Zeit als sonst und die Ziele, die in uns schlummern, kratzen auf einmal an der Oberfläche und wollen umgesetzt werden. Warum eigentlich?

Zwischen Bananenbrot & no excuses

Jetzt kommen Ratgeber und Instagram wieder ins Spiel. Ich habe euch schon erzählt: Ich mag Ratgeber und Instagram genauso sehr. Gerade jetzt sprießen Tipps, wie man seine Zeit füllen kann, rasant aus dem Boden: „Nutze die Zeit, um das Buch zu schreiben, das du schon immer schreiben wolltest; bringe deinen Körper in Topform; erlerne eine neue Fähigkeit; bringe deine Leistung auf Hochtouren, rufe alte Freunde an – und allen voran: Jetzt gibt es keine Ausrede, diese Zeit wirst du nie wieder finden.“ Achso, und lasst uns nicht das Bananenbrot vergessen, das Instagram gerade dominiert – ich liebe Bananenbrot und so langsam juckts auch in meinen Fingern.

Ok, Pause. All das kann inspirierend sein, erzeugt aber auch Druck und ich ertappe mich, wie ich nervös werde. Als wir im Sommer influenced by gelaunched haben ist einer meiner größten Träume wahr geworden und dennoch gibt es in meinem Kopf ganz schön viele Themen, die herumschwirren, die ich aber noch nicht angegangen bin: Altersvorsorge, Anlagen, Investitionen, meine verstaubte Bratsche unterm Bett, mein Poetry Book und, und, und.

Gut gemeinte Ratschläge & die falsche Interpretation

All diese Ratgeber und Tipps wollen einem in dieser Zeit nichts Böses. Sie wollen Menschen helfen, Langeweile besiegen und negativen Gedanken keinen Freiraum lassen. Trotzdem schafft mein Kopf es, diese gutgemeinten Ratschläge als Produktivitätszwang zu interpretieren. Die Gedanken zu diesem Text habe ich gesammelt, als ich heute Morgen im Park spazieren war. Anstatt einfach mal die Sonne zu genießen, habe ich meinen Handyrekorder gezückt, mich aufgenommen, um es dann zuhause effektiv in einen Text umzuwandeln, in dem ich über diese Verwirrtheit spreche – wie ironisch.

Gleichzeitig herrscht in Ratgebern und auf Instagram parallel eine – überspitzt formuliert – „Antibewegung“: Leute, die einem klarmachen, dass es ok ist, gar nichts zu tun in dieser anstrengenden Zeit. Dass es ok ist, im Bett zu bleiben und sich ein bisschen gehen zu lassen. Gleichzeitig nehmen wir uns alle ja sowieso mit Memes täglich auf die Schippe à la summer body is cancelled. Aber das gefällt mir auch nicht so richtig, denn überhaupt nichts zu tun, will ich ja auch nicht. Ich fange an, mich selbst mit genervtem Blick zu betrachten und mich zu fragen: Kannst du dich mal entscheiden? Und gleichzeitig frage ich mich: Gibt es nicht irgendeinen Mittelweg?

 

Mein Mittelweg

Das soll kein Ratgeber werden, denn den idealen Mittelweg habe ich auch noch nicht gefunden. Ich versuche, mich täglich mehr mit der Situation zu arrangieren und herauszufiltern, was für mich funktioniert und was nicht. Heute fühle ich mich unwohl und die Lage überfordert mich? Dann heute mal einen Gang zurückschalten. Heute sprudle ich vor lauter Ideen und Aktionismus? Nachtschicht, hello!

Ich habe aus Gesprächen mit Freunden und Familie besonders eine Sache mitgenommen: Sammle deine Gedanken, Sorgen und Probleme und kategorisiere sie. Was kann ich davon gerade lösen und was möchte ich gerne ändern, aber kann es gerade einfach nicht? Die lösbaren Probleme solltest du versuchen in deinem eigenen Tempo anzugehen. Ich denke, da wird mir jeder zustimmen: Nichts fühlt sich besser an, als etwas gedanklich oder auf Papier abzuhaken.

Schön und gut, aber was ist mit den Sachen, die wir gerade nicht ändern können? Besonders nachts vorm Schlafengehen beginnt das Gedankenkarussel zu kreisen und Probleme scheinen immens. Auch wenn es schwer fällt: Richte dich kurz auf und stecke diese Gedanken bewusst in eine imaginäre Box. Erst morgen früh darfst du sie wieder aufmachen, denn dann scheint es etwas weniger schlimm, oder? Genau dann kommt der Moment, in dem du entscheiden wirst: Was davon kann ich jetzt angehen und was nicht? Und das, was du aufgrund der aktuellen Situation nicht ändern kannst, kommt erneut in diese Box – öffnen wirst du sie erst, wenn es dir die Strukturen wieder erlauben.

Jetzt wurde es doch ein kleiner Ratgeber. Bitte seht es eher als Reflektion dessen, was für mich aktuell funktioniert und vielleicht auch demnächst für dich. Nicht alles ist immer schwarz oder weiß, nicht jeder weiß immer, was er will und was er leisten kann. Es gibt auch Menschen, die zwischen den Stühlen stehen, sich manchmal selbst nicht verstehen und das ist in Ordnung. Genauso wie Struktur zum Leben gehört, gehört es auch das Chaos.

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